Bel Canto am Broadway
Das Programm des dritten Kongresstages wandte sich energisch dem Singen selbst zu. Den Auftakt zu diesem spannenden und auch erlebnisreichen Tag gab Frau Prof. Noelle Turner zusammen mit Frau Prof. Patricia Martin und einer Riege von Musicalstudierenden von der Folkwang Hochschule in Essen. Schon um 9 Uhr am Sonntagmorgen waren die Studierenden stimmlich so fit, ein spannendes kleines Musical-Konzert von Solo- und Duett-Szenen zu geben. Patrizia Margagliotta machte den Anfang mit „The girls of Summer“ aus dem Musical „Marry Me a Little“ von Stephen Sondheim, gefolgt von Marc Liebisch mit „Proud of Your Boy“ aus „Aladin“ von Alan Menken. Marie Ruback stellte danach eine beeindruckende Szene mit Song und Monolag auf die Bühne: „If They Could See Me Now“ aus „Sweet Charitiy“ von Cy Coleman. Nicht nur ihre sängerische leistung beeindruckt, sondern auch ihr darstellerisches Talent und ihre ausgefeilte Sprechtechnik. Lars Kemter fuhr mit „Along Came Bialy“ aus „The Producers“ von Mel Brooks fort, dann trat wieder eine junge Frau auf die Bühne, Schirin Kazemi, und sang “Let’s Play a Love Scene” aus “Fame” vonDavid Da Silva. Artur Molin folgte mit „Winter’s on the Wing“ aus „The Secret Garden“ von Lucy Simon und spielte zum Schluss zuammen mit Lars Kemter die Duett-Szene „Brother Can You Spare a Dime“ von Jay Gorney und E. Y. Harurg. Am Klavier begleitete Frau Prof. Martin, unprätenziös und dezent führend. Für die allesamt erfrischenden und beachtlichen Leistungen gab es herzlichen bis emphatischen Beifall.
Frau Prof. Noelle Turner legte nun einige grundsätzliche Gedanken zur Musical-Arbeit dar. Als Konsequenz aus der Feststellung, dass klassischer Gesang auf der einen Seite und Musical-Gesang auf der anderen Seite derzeit eher auseinanderdriften, stellte sie die Forderung auf, die Polarisierung zwischen den beiden Stilen zu überwinden, weil die klassische Ausbildung sehr nützlich für den Musical-Gesang sein könne. Musical-Gesang sei vom Sprechklang her abgeleitet und stelle nicht wie der klassische Gesang die Schönheit der Stimme in den Vordergrund.
Sie malte ein Bild von der beruflichen Belastung und dem hohen Druck, dem ein Musical-Sänger ausgesetzt sei: Häufig sechs Vorstellungen in der Woche. Konzerte dürften aus wirtschaftlichem Druck nahezu unter keinen Umständen abgesagt werden. Dazu viele Reisen. Ein Musicalsänger benötige sängerische Stabilität und Gesundheit beinah mehr als ein klassischer Sänger.
Die Basis für die Musical-Stimmausbildung sei die gleiche wie für den klassischen Gesang, ebenso die sängerisch-technischen Grundbegriffe. Es gelten die gleichen Gesetze.
für die praktische Arbeit mit Musical-Songs im Unterricht hat Frau Prof. Turner eine Liste erarbeitet mit Zuordnungen zur Stimmgattung und Schwierigkeitsgrad. Unter der Über Schrift „Vorsicht!!“ sind einige Songs aufgeführt, die im Unterricht besondere Beobachtung erfordern. Abschließend hat sie einige Songs unter dem Warnhinweis „No-Nos“ zusammengefasst, die sie als nicht empfehlenswert einstuft. (siehe S. ?; Repertoireliste)
Mit einer Reihe von Unterrichtsdemonstrationen setzte sich dieser Kongressbeitrag fort. Die erste Probandin wurde von Frau Prof. Noelle Turner als 19-jährige junge Frau vorgestellt, die mit einem typischen Problem junger Frauenstimmen zu ihr gekommen sei: Verbrustung. Kraft wurde mit Druck verwechselt. Diese Diagnose hat dann den weiteren Unterricht bestimmt. Mit Dreiklangsübungen auf „U“ sollte Druck abgebaut werden. Ebenso mit Terzübungen auf „ng“, die Stimme und Körper verbinden und nicht laut sind.
Frau Prof. Turner bemerkte zu dieser Arbeit, dass „jeder falsche Ton zählt“. Jedesmal werden dann ein falscher Reflex eingeübt. Sie empfahl: Lieber weniger üben als falsch üben. Das Musical Repertoire von vor 1965 sei meist recht günstig. Z. b. der Song „Da war einst ein Traum“ aus „Jekyll & Hyde“ sei sehr lyrisch angelegt und gut geeignet.
Als Zweiter betrat ein junger Mann von 18 Jahren das Podium, der mit 17 jahren begonnen habe zu singen. Er habe einen lyrischen Bariton, sehe aber aus wie ein Tenor. Solche optischen Eindrücke könnten ihm die Karriere etwas erschweren, jedoch seien Stimmfächer im Musicalbereich etwas verwaschener als im klassischen Gesang. Er sang „Oh, what a beautiful morning” aus “Oklahoma” aus dem jahr 1943 vor. Prof. Turner benannte als Unterrichtsziel, etwas mehr „Twang“ in die Stimme bringen zu wollen. Mit „Twang“ wird ein leicht nasaler, vordersitziger Klang bezeichnet, der vor allem in der Country-Music der Südstaatler verbreitet ist. Dabei stehen Zunge und Kehlkopf etwas höher und der Vokal „E“ steht deutlich für den Klang Pate.
Mit „It Took Me Awhile“ aus „John & Jen“ von Andrew Lippa stellte sich ein 21-jähriger Tenor vor. Prof. Turner diagnostizierte anfangs eine schlechte Körperhaltung sowie eine schwache Mittellage und Tiefe. Viel Arbeit auf Vokal „A“.
Mit leichter, hoher Sopranstimme sang die folgende Probandin nun den Song „Between the very dead of night and day“ mit dem Titel „Moonfall“ aus „The Mystery of Edwin Drood“ von Frank Wildhorn. Prof. Turner schätzt sie als eine kommende gute „Allrounderin“ ein, die einmal sowohl Musical als auch klassischen Gesang mit Erfolg wird singen können.
Mit dem Song „How Did We Come to This“ aus dem Musical „The Wild Party“ von Andrew Lippa, gesungen von einer Mezzosopranistin, gibt Prof. Turner ein Beispiel für einen „strong mix“, d. h. dieser Song wird nicht in einem ausgesprochenen Belting vorgetragen, sondern in einer Mischform. Das erfordert ein etwas stärkeres Engagement der Muskulatur und Kehlkopf und Zunge sind in etwas höherer Position.
Als letzte kommt noch einmal Marie Ruback auf das Podium, die in dem kleinen Eröffnungskonzert so fabelhaft die Szene aus „Sweet Charity“ dargestellt und gesungen hat. Sie singt mit schlankem Sopran den Song „On My Own“ in einer Mischtechnik. Zur Abgrenzung wiederholt sie danach noch einmal ein Stück aus „If They Could See Me Now“ als Beispiel für „Full Belt“. „Full Belt“ sei nicht einfach mit Bruststimme gleichzusetzen. Der Schildknorpel befinde sich dabei in anderer Position als im Brustklang. Belting erfordere sehr viel Kraft und Kontrolle.
Nun präsentierte Prof. Turner zur Überraschung des Auditoriums eine seit langen Jahren erfolgreiche Musical-Sängerin, die seit vergangenem Jahr auch Mitglied des BDG ist: Cornelia Drese. Frau Drese wuchs in der DDR auf und hatte auch dort ihre Ausbildung. Da dort das Musical aus ideologischen Gründen nicht gefördert wurde, hatte sie lange Jahre Schwierigkeiten, ihren sängerischen Weg zu finden. Aber schon kurz vor und erst recht dann nach 1989 gelang ihr der Durchbruch. Seit nunmehr zwanzig Jahren singt sie erfolgreich Musical. Mit dem Song „These Are My Children“ aus dem Musical „Fame“ von David Da Silva sang sie ein Beispiel füf „Full Belt“. Das Publikum dankte mit tief beeindruckt herzlichem Applaus.

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